Die ersten Vorboten des Frühlings bringen die Säfte in Wallung. Während die Knospen der Bäume schon zu explodieren drohen und sich Tier-Pärchen hemmungslos dem Zwecke der Fortpflanzung hingeben, keimt auch in immer mehr Menschen die Saat eines lange verloren geglaubten Guts: Der Freiheit.

Dieser Artikel erschien am 02.03.2021 auch in „Die Ostschweiz“.

Doch was bedeutet Freiheit? Die Antwort auf diese Frage kann vielfältig ausfallen aber niemals falsch – jeder Mensch hat seine eigene subjektive Wahrnehmung davon. Was aber sicherlich zutreffen dürfte ist, dass sich für den einen oder anderen in den letzten zwölf Monaten die Definition von Freiheit stark verändert hat. Und so ereignet sich deren Wiedergeburt überall dort, wo ein wärmender Sonnenstrahl die Erinnerung an das erweckt, was uns einst im tiefsten Innern als lebenswert erschienen war – auf den Terrassen in den Berggebieten, an den Seepromenaden, in den Parks und in den Armen der Menschen, die wir lieben.

Das Kippmoment ist greifbar in der stimmungsgeladenen Luft; der sinnliche Duft der Veränderung gelangt selbst in die Schreibstuben der Medienhäuser und die verstaubten Säle der Parlamente. Die Durchhalteparolen der Regierungen verhallen dumpf in einem Vakuum aus blossen Floskeln und der Begriff „Corona-Müdigkeit“ grenzt an Verharmlosung, denn die Leute sind nicht erschöpft, nein, sie finden endlich erst zu ihrem einstigen Selbstbestimmungswillen zurück. Es ist ein entscheidender Punkt, vergleichbar mit einer perfekt ausbalancierten Steinskulptur, wie sie oft in Bergen zu finden sind als Orientierungshilfe für die Hirten im dichten Nebel. Sie wird in sich zusammenfallen – die Frage ist nur, in welche Richtung sie kippt.

Der stählerne Fuss des Totalitarismus

„Impfen schafft Freiheit.“ Das ist keine – in mancher Augen geschmacklose – Anlehnung an die Parole „Arbeit macht frei“, welche über dem Tor von Auschwitz prangt und uns noch immer an die verheerenden Fehler der Geschichte erinnern möchte. Der Satz stammt vom bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder und zeigt uns auf, wie die neue Freiheit aussehen soll, wenn es nach dem Willen der Mächtigen geht. Impfen, Testen, Tracen – kurz: eine überwachte Freiheit in einem totalitären Staat, in dem Grundrechte zu Privilegien für staatstreue Bürger erhoben werden. Erinnert ein bisschen an das Sozialkreditsystem in China, nicht wahr?

Da befinden wir uns freilich noch nicht. Aber der erste Lockdown in der Geschichte der Menschheit wurde in einem diktatorischen Staat umgesetzt und danach praktisch kritiklos in der sogenannten freien Welt übernommen. Bilder von feiernden Chinesen befeuern die Idee, dass nur mit restriktiven Massnahmen ein selbstbestimmtes Leben möglich sein soll. Impfpass und Massentests sind der Weg in die Freiheit, wie es uns das strenge Regime in Israel vormacht. Manche mögen sich mit diesen Ideen anfreunden können, andere nicht. Doch der oberste, wackelige Stein auf der Skulptur wird fallen. Wir haben nun noch die letzte Möglichkeit, die Richtung zu beeinflussen, in welche er danach unaufhaltsam und immer schneller werdend fallen wird.

Als alternativlos mag man die gegenwärtige Politik zum Schutze der Gesundheit und des Lebens erachten, unter dem Einfluss der lähmenden Angst vor dem bösartigen Virus und seinen noch schrecklicheren Mutationen. Doch das SARS-COV-2 hat keine politische Macht und überhaupt hat es keinen eigenen Willen, schon gar nicht lechzt es danach, die gesamte Menschheit auszurotten. Nicht das Virus sondern wir selbst bestimmen über unser Schicksal. Und wir können uns mitunter dafür entscheiden, nicht nur das Leben selbst, sondern auch seinen Sinn unter politischen und gesellschaftlichen Schutz zu stellen.

Noch hat der Totalitarismus seinen stählernen Fuss nicht in der Tür; wir können ihm den Zutritt in unsere Welt noch verwehren. Aber sobald wir Ideen wie dem elektronischen Impfpass und einer digitalen Identität Einlass gewähren und die lückenlose Überwachung von Menschen weiterhin mit dem vergewaltigten Begriff der Solidarität rechtfertigen, gibt es kein Zurück mehr. Denn diese Dinge sind gekommen um zu bleiben, genau so, wie das Konstrukt der Pandemie selbst. Ranghöchste Corona-Sprachrohre wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verkünden bereits, dass wohl infolge ständiger Virusmutationen die Impfungen regelmässig aufgefrischt werden müssten. Es ist eine Endlosschlaufe, die es zu durchbrechen gilt, indem man sich ihrer Anfänge besinnt.

Schritte im Morast

Vor rund einem Jahr hat es ebenfalls zu brodeln begonnen. Damals unter umgekehrten Vorzeichen: Aus belächelnder Stimmung und trotzigem Optimismus wurde rasch Besorgnis und schliesslich hat sich die Corona-Suppe in schaumigen Schwallen von überkochender Panik in der Gesellschaft ausgebreitet. Apokalyptische Vorhersagen von Todeszahlen und kollabierenden Gesundheitssystemen und Bilder von Menschen, die in der Öffentlichkeit tot zusammenbrachen füllten die Zeitungen. Heute wissen wir, dass diese Berichte realitätsferner nicht hätten sein können. Auch nicht ohne die Massnahmen. Sogar Bergamo – Leuchtfeuer der pandemischen Angst in Europa – muss mittlerweile differenziert betrachtet werden. Doch jene Eindrücke bestimmen noch immer unser Denken und Handeln; umso mehr, da sie immer wieder von Neuem mit erschreckenden Prognosen aufgefrischt werden.

Wir stecken zu tief drin im Sumpf dieser Geschichte. Im schweren Morast der Massnahmen-Pandemie sind kaum mehr Schritte möglich und wir klammern uns immer wieder nur am nächsten Lockerungs-Strohhalm fest. Dabei sollten wir uns fragen, wie wir vor einem Jahr über all dies gedacht hätten. Ohne Horrorszenarien. Im heutigen Wissen, dass es sich bei der Bedrohung um ein saisonales Virus handelt, mit einer Sterblichkeit, die eben doch eher vergleichbar mit einer starken Grippe ist als mit MERS oder Ebola und dessen Gefährlichkeit sich auf eine klar umrissene Risikogruppe beschränkt. Möge das nüchterne Licht des Frühlings uns dabei helfen, Masken, Kontaktverfolgung, Schutzkonzepte, Lockdowns, Quarantäne und Isolation neu und frei vom Ballast des emotionalen Winters zu bewerten.

Denn die eigentliche Kälte herrscht, seit Menschen zu Indexpersonen, Verdachtsfällen, Risikopatienten, Kollateralschäden, potentiellen Virenträgern und sogar Gefährdern gemacht worden sind – eine blosse Hülle für den klinischen Zustand des Lebens, der um jeden Preis gewahrt werden soll. Ungeachtet des Verlusts von Inhalt, welchen immer mehr Menschen schmerzlich wahrzunehmen beginnen, während sie immer weniger Freude am Dasein empfinden und ihnen ihre Träume und Ziele entrissen werden. Kann man all die angeblichen Bemühungen zum Schutz der Gesundheit einer Risikogruppe mit ihren drastischen Folgen für die gesamte Gesellschaft noch mit Verhältnismässigkeit rechtfertigen? Immer mehr Menschen beginnen, diese Frage neu zu bewerten. Die Entscheidungsträger aber bejahen dies mit Verweis auf „die“ Wissenschaft nach wie vor, und ebenso all jene, die diesen Institutionen vertrauen.

Lehren aus der Geschichte

Aber ist dieses Vertrauen gerechtfertigt und jegliches Hinterfragen rein verschwörungstheoretischer Natur? Ich denke nicht, dass es eine allzu krude Äusserung darstellt, wenn man auf den Reiz des Geldes verweist. Die Wissenschaft ist schon längst den Gesetzen des Marktes unterworfen, das haben in der Vergangenheit immer wieder mächtige Konzerne der Tabak-, Chemie-, Automobil- und eben auch der Pharmaindustrie auszunutzen verstanden. Und möge den ersten Stein werfen, wer noch nie die Unabhängigkeit der Politik von finanziellen Anreizen infrage gestellt hat.

Natürlich dürfen wirtschaftliche Interessen nicht zulasten der Gesundheit (und darin enthalten auch des Umweltschutzes) durchgesetzt werden. Doch Wirtschaft ist nicht gleich Wirtschaft. Corona hat den Fluss des Geldes zu einem reissenden Strom anschwellen lassen, der unentwegt riesige Finanzmassen in die Ozeane der globalen Riesenkonzerne aus dem Pharma-, Technologie,- oder dem Finanzsektor spült. Gleichsam mit Kübeln werden dagegen die Flussbette mittelständischer Betriebe nur noch vor dem endgültigen Austrocknen bewahrt. Dort ansässig sind die vielen kleinen Fische, die – nun vom Massensterben bedroht – bisher zur Vielfalt und dem labilen Gegengewicht innerhalb dieses wirtschaftlichen Ökosystems beigetragen hatten.

Im Kampf gegen die Tabakindustrie hat sich letztlich die unabhängige Wissenschaft und Forschung durchgesetzt; Erfolge sind auch in Bezug auf die schädigenden Praktiken der Agrar- und Automobilindustrie zu verzeichnen. Die Geschichte mahnt uns also zu einer gesunden Skepsis gegenüber dem Grosskapital. Undenkbar also, dass Bayer/Monsanto beispielsweise eine Umweltbehörde sponsern würde oder ein Medium Geld von VW erhielte und sich deren Führungsetage in der Zeitung unwidersprochen zum Dieselskandal rechtfertigen dürfte. Genau so abwegig, wie die Tatsache, dass ein einflussreicher Mann wie Bill Gates Spenden an Swissmedics überweist und seine persönlichen Ansichten ohne Gegenwind in öffentlich-rechtlichen Medienformaten verbreiten kann?

Frühling des Aufbruchs

Das Bewusstsein über Anreize und Machtverhältnisse soll uns nicht lähmen, sondern es soll uns dabei helfen, die Prioritäten neu zu definieren. Und, wo dies notwendig ist, auch entgegen den Willen des Staates. Jüngst waren im „Blick“ zum sogenannten Terrassen-Streit folgende Worte zu lesen: „Der Staat erwartet von Bürgerinnen und Bürgern – zu Recht! –, dass sie sich ans Gesetz halten. Auch wenn einem das Gesetz nicht passt oder es gar widersinnig ist. Wir brechen widersinnige Gesetze nicht, wir ändern sie.“ So etwas muss nachdenklich stimmen denn diese Argumentation öffnet dem Willkürstaat Tor und Tür, vor allem da in der jetzigen Lage Gesetzesänderungen viel Zeit brauchen. Wir werden nicht sterben oder die ganze Gesellschaft in den Abgrund stürzen, wenn wir etwas zivilen Ungehorsam ausprobieren.

Es ist wirklich Zeit für einen Frühling des Aufbruchs. Lassen wir endlich wieder Wärme und Lust in unser Leben strömen. Der Schnee der Angst ist zu verschmutzt um uns noch länger von ihm blenden zu lassen; soll er unter der Sonne vergehen und verdunsten. Und mögen auch die eisigen Mauern der Spaltung endlich schmelzen, denn zu lange haben sie die Gesellschaft getrennt. Ein sorgsamer Umgang mit den verschiedensten Denkweisen ist jetzt – spätestens jetzt! – unerlässlich. Der Wind hat gedreht, er kündet von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Es gilt nun, die Saat auszubringen. An diesem Wendepunkt in der Geschichte müssen wir uns daran erinnern, was unser Leben und das unserer Nachkommen lebenswert macht. Und entsprechend handeln.

2 Kommentare

  1. Willi Stöckli meint: 1. März 2021
  2. Geraldine meint: 28. Februar 2021

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