Liebe Menschen, heute möchte ich euch meine Geschichte erzählen. Sie beginnt traurig, wenngleich auch viele der Geschehnisse aus meinen ersten Tagen auf dieser Welt für immer im Verborgenen bleiben werden. Meine Erinnerungen daran verbergen sich in einem düsteren Nebel, den zu beschreiten ich nicht gewillt bin.

DSC_0021-001Es mag sein, dass ich eine Mutter habe, die mir sehr ähnlich sieht – ungleich der neuen Mütter, über die ich später zu sprechen kommen werde. Ich mag den Gedanken, dass sie mich geliebt hat und gut für mich zu sorgen gedachte. Doch wurde ich ihr geraubt und mit mir auch meine Geschwister, die ich erst gerade zu bemerken begann. Grosse, nackte Hände, dann Lärm und Dunkelheit – die Welt versank in Blindheit und Schweigen.

Meine zweite Geburt war der Moment, als mein Bewusstsein an die Sonne zurückkehrte. Später habe ich erfahren, dass es ein Mensch war, der den Deckel jenes Abfallcontainers geöffnet hat, in dem man mich und meine Geschwister entsorgen wollte. Offenbar war es seine Arbeit, diese zu leeren und in eine Verbrennungsanlage zu transportieren. Dieser Mensch war es, der mich vor dem sicheren Tod bewahrt hatte, doch mein Leben sollte erst später gerettet werden.

Das erste Kapitel in meinem Leben war spannend aber auch schwierig. Dankbar bin ich, dass ich einen Bruder haben durfte, der mich auf diesem harten Abschnitt begleitet hat. Ich weiss nicht, wie gross mein Wurf war, doch von nun an – in dieser neuen Welt des Lichts – gab es nur uns zwei. Wir lebten in einem Dickicht aus trockenem Gras und Büschen, das uns Schutz vor den unzähligen Gefahren bot und in welchem wir auch reichlich Heuschrecken und anderes Getier fanden, von dem wir uns ernähren konnten. Das Jagen machte sogar richtig Spass und in den vielen Gängen, die wir im Gestrüpp angelegt hatten, kannten wir uns schon sehr gut aus. Nur eines waren wir nie: unbeschwert.

DSC_0001-002Wir vermissten unsere Mutter und wir wussten, dass sie uns noch sehr vieles über die Natur – ihre Schönheit und ihre Gefahren – beigebracht hätte. Und vielleicht hätte sie uns auch von den Menschen erzählt, die uns gleichermassen faszinierten und verängstigten. Immer, wenn welche davon in der Nähe waren, verhielten wir uns ganz still und unbemerkt, doch wir beobachteten sie und lernten, sie zu unterscheiden.

Es war an einem ungewöhnlich kühlen Vormittag als sich unser beider Schicksal wieder dramatisch zu verändern begann. Ein weiblicher Mensch – eine Frau – tauchte mit ihrem Auto auf und stieg ganz in unserer Nähe aus. Sie brachte einen Duft mit, der uns irgendwie „kätzisch“ erschien. Obwohl noch ein zweiter Mensch mit seinem Gefährt nahe bei uns anhielt und der Frau ein Paket aushändigte, konnte ich ein lautes Aufmautzen nicht unterdrücken! Es mag Übermut gewesen sein oder vielleicht habe ich sogar instinktiv Vertrauen zu dieser Person gefasst; doch gesehen hat mich dann der männliche Mensch zuerst, ehe ich meinen Mut verlor und mich wieder zu meinem Bruder ins Dickicht zurückzog.

Am Abend kam die Frau zurück und mit ihr ein anderer Mann, der uns ebenso „kätzisch“ erschien wie sie. Da konnte auch mein Bruder seine Stimme nicht mehr im Zaun halten und er begann aus dem Hintergrund laut zu Miauen und ich stimmte mit ein. Langsam näherte ich mich den beiden Menschen, die sich tatsächlich für uns interessierten und dann – für einen kurzen Moment – hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Augenkontakt mit jemandem, der keine Katze war.

DSC_0033-001Als die beiden am nächsten Tag erneut auf Besuch kamen, war es schon viel vertrauter und wenn jemand dann gleich noch etwas zum Essen mitbringt, dann verliere ich meine Scheu noch eher. Dennoch hatte mein Bruder noch immer grosse Bedenken, was den Umgang mit Menschen betrifft und somit zeigte ich mich ihm zuliebe nur kurz.

Als die Nacht wieder über die Lande zog, sang ein einsames Käuzchen die alte Weise über den ewigen Kreis aus Leben und Tod. Ich schlief tief und träumte vergessene Träume aus einer anderen Zeit. Als der Morgen sanft meine Nase küsste, war ich alleine. Wie mein Bruder verschwand, werde ich wohl nie erfahren. Möglicherweise hat er mich den guten Menschen überlassen wollen, während er selbst sich für ein Leben als Wildkatze entschied. Ich weinte um ihn während ich wartete auf das, was ich bereits tief im Innern wusste, dass es eintreten würde: meine dritte Geburt.

Diesmal half ich mir selbst dabei, auf die Welt zu kommen. Ich rief, als die Menschen wiedergekehrt waren, und ich zögerte nicht, als mir die Hand gereicht wurde. Sanft nahm man mich in die Arme und ich schwebte glücklicheren Zeiten entgegen.

Ich verlor meine ganze Familie, doch ich gewann zwei ganz spezielle neue Mütter: den weiblichen und den männlichen Mensch – das war mir sofort klar, als ich mich in das karge Fell des Mannes kuschelte. Er heisst Manuel und seine Frau heisst Andrea. Auch mir wollen sie bald einen Namen geben, doch dafür möchten Sie mich noch besser kennenlernen. An meinem ersten Tag im neuen Heim bekam ich ganz viel zu essen, denn ich hatte riesigen Hunger. Danach musste ich viel Schlafen um die aufreibenden Erlebnisse zu verarbeiten. Dies tat ich zwischen meinen Müttern in einem Bett – ein wunderbarer Ort, der dem Katzenhimmel sehr nahe kommen muss. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so sicher und frei gefühlt!

DSC_0025Von nun an bringt jeder Tag neue, aufregende Erlebnisse und ich durfte auch schon viel lernen, doch das Schreiben beherrsche ich noch nicht lange und es ermüdet mich. Darum werde ich euch über den zweiten Abschnitt meines Abenteuers – in welchem ich meine Mütter besser kennenlernen durfte und meine anderen neue Familienmitglieder zu erforschen begann – an einem anderen Tag berichten.

Nun werde ich noch ein wenig Andrea unterhalten um sie von ihrem lästigen Wespenstich am Ohr abzulenken. Manuel soll diesen Text derweil korrigieren und ihn dann mit euch lieben Menschen teilen. Die beigelegten Fotos sollen euch helfen, mich schon etwas ins Herz zu schliessen und mich bis zum nächsten Mal sicher nicht zu vergessen – Miaauf bald!

 

Alle Bilder (zum Vergrössern Klicken):

 

4 Kommentare

  1. Tanja Hummel meint: 6. September 2016
  2. Eva Bernardi meint: 5. September 2016
  3. Mämeler meint: 5. September 2016

Eine Antwort hinterlassen