„Es sei euch gegeben“, sprach der Mensch – er könnte Manuel oder Andrea geheissen haben, was aber an sich nichts zur Sache tut – und entliess Rosie und Bertie in die Freiheit. Die beiden Hühnerdamen waren sehr zufrieden mit diesem Stücklein Freiheit, welches sich als ziemlich rechteckiges Fleckchen Natur heraus stellte; innerhalb eines orangefarbenen Zaunes, der ihnen ihre Grenzen gut sichtbar aufzeigte.

Innerhalb der Begrenzung gab es viel saftiges Gras, einige Büsche, die gut als Versteck dienen würden und auch ein heimeliges Häuschen aus Holz um darin vor Feinden geschützt die Nacht verbringen zu können.

„Schau her, Rosie“, rief die kleine Bertie ganz aufgeregt, „ sogar eine Stange zum darauf schlafen hängt hier!“

Das grössere Huhn quittierte die Bemerkung mit einem Nicken, doch ihre Aufmerksamkeit galt einer mit Stroh gefüllten Holzkiste, welche sich in einer dunklen Ecke des Stalles befand.

„Hmm, ich vermute, dass dieses Paradies auch seinen Preis haben wird“, gackerte Rosie mürrisch vor sich hin.

Doch Bertie liess sich ihre gute Laune nicht nehmen. Sie entgegnete:

„Ein Ei pro Tag ist ein geringes Opfer für diese Freiheit, die der Mensch uns schenkt.“

Kaum gesprochen sprang sie vergnügt in die Kiste, gurrte einen Moment zufrieden und brachte kurz darauf ein wunderbares Ei von dunkler Färbung zutage.

 

 

Indies zogen die Tage über das Land und man könnte sie getrost „Tage des Friedens“ nennen, doch der Autor dieser Schrift ist sich in der Gegenwart bewusst, dass die Wässer in der Tiefe bereits in Aufruhr geraten waren, wenngleich sie an der Oberfläche nur in sanften Verbeugungen das liebliche Licht der Sonne spiegelten.

Beide Hühner vergnügten sich und legten jeden Tag je ein Ei. Doch Rosie schien eine Art Faszination für den orangenen Zaun entwickelt zu haben. Immer wieder schielte sie verwegen zu dem eng verwobenen Netz. Nur wenn beispielsweise ein dicker Regenwurm ihren kulinarischen Enthusiasmus geweckt hatte, merkte sie im Nachhinein, dass sie die Grenze einen Augenblick aus den Augen gelassen hatte. Dann wurde Rosie schlagartig unzufrieden und wenn Bertie ihren Weg kreuzte, hackte sie ihr ganz beiläufig den Schnabel über den Kamm.

„Du nimmst mir die Luft weg“, zischte das grosse Huhn bei einer dieser Gelegenheiten.

„Ich bin nicht minder dieser Freiheit berechtigt als du, Rosie, somit ist es mir erlaubt, mich genau da aufzuhalten, wo ich will – gleichwohl ob es dir passt oder nicht!“, entgegnete Bertie.

Rosie setzte ein finsteres Gesicht auf und starrte an ihrer Mitbewohnerin vorbei in Richtung des Zauns.

„Wo deine Freiheit endet, erkennst auch du nicht, Närrin“, murmelte sie fast unhörbar, „weder noch, wo sie beginnt. Doch was soll man auch erwarten von jemandem, für den die Welt da aufhört, wo das Unbekannte beginnt.“

 

 

Irgendwann wehte der Herbsthauch und er brachte nicht nur welke Blätter von Bäumen, die unsere gefiederten Freundinnen noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Nein, mit den kühleren Tagen kam auch Maja. Eines Nachmittags war sie einfach da. Ihr löchriges Federgewand zeugte von Leid, ihr holpriger Gang erzählte von Demütigungen.

Mit einer Mischung aus Mitleid und Neugier, näherten sich Bertie und Rosie. Das grössere Tier, welches sich mittlerweile als Alpha-Huhn durchgesetzt hatte, sprach:

„Wer bist du? Woher kommst du?“

„Ich bin – wie ihr – ein Huhn. Mein Name ist Maja“, antwortete der Neuankömmling, „doch ich lebte an einem anderen Ort, wo auch Hähne zugegen waren. Diesen habe ich meinen Zustand zu verdanken. Doch mit dem Mute der Verzweiflung gelang mir die Flucht und ich überlebte in der Wildnis bis ich von Menschen gefunden und hierher gebracht wurde.“

„Die Wildnis?“ fragte Rosie, denn sie verstand nicht.

„Das ist die andere Seite des Zauns, die du Freiheit nennst“, antwortete Maja.

Wieder glitten Rosies Augen entlang der grellfarbenen Grenze.

„Du kennst die Freiheit“, seufzte sie und bemerkte nicht den besorgten Ausdruck in den Augen des noch fremden Huhns.

Die darauffolgende Stille wog für Bertie wohl zu schwer, sie mochte dieses Gerede von der Fremde nicht. Also versuchte sie möglichst unbeschwert einen Small-Talk – unter Hühnern die am meisten bevorzugte Variante des Gesprächs – zu beginnen.

„Komm, Maja“, begann sie, „ich zeige dir, wo wir die Eier hinlegen müssen.“

„Ich kann keine Eier mehr legen, mein Kind“, sagte Maja, „schon seit vielen Jahren nicht mehr. Die Hähne haben mir zu sehr zugesetzt.

Bertie war sehr erstaunt und mit einem Anflug von Missgunst meckerte sie:

„Keine Eier? Wie sollte sie denn die ihr gegebene Freiheit verdient haben?“

 

 

Die folgenden Ereignisse kündigten sich in der Tat an, doch die Prognose würde nur für jemanden erkennbar gewesen sein, der sich in der Psychologie von Federvieh auskennt – und Kenntnisse dieser Wissenschaft sind unter den Menschen rar, wenn nicht sogar völlig unbekannt. Deshalb will der Autor sich im weiteren Verlauf dieser Erzählung, die sich bereits ihrem Ende zu neigt, ausschliesslich an Fakten halten, die entweder der Wahrheit entsprechen oder aus dramaturgischen Gründen frei erfunden worden sind. Doch er kann es sich auch nicht verkneifen, erstaunt darüber zu sein, dass ausgerechnet die zurückhaltende Bertie den Stein ins Rollen gebracht hatte, indem sie folgendes erklärte:

„Die uns gegebene Freiheit reicht nicht für uns alle. Sie ist nicht gross genug. Bald werden wir kein Gras und keine Insekten mehr haben. Die Ressourcen gehen zur Neige. Eine von uns muss gehen.“

„Ich nehme an, dass du damit mich meinst“, entgegnete Maja betroffen, „Ich kann keine Eier legen.“

„Genau“, hakte Bertie ein, „und deswegen ist dein Beitrag an die Gesellschaft der geringste von uns allen!“

„Du meinst wohl den Beitrag zur Sicherung unserer Freiheit, die der Mensch aber augenscheinlich auch mir gegeben hat!“

Fast schon kreuzten sich die Hühnerschnäbel wie Klingen, so nahe waren sich Bertie und Maja bei ihrem aggressiven Wortwechsel gekommen. Es schien wenig zu fehlen, dass es zu Tätlichkeiten gekommen wäre, doch jetzt war es Rosie, welche für eine überraschende Wendung sorgte.

„Ich gehe“, sagte sie mit fester Stimme und wiederholte den Satz noch einmal, da der erste Versuch im Sturm der Ereignisse untergegangen war:

„Ich gehe! Um die Freiheit, die uns gegeben wurde, hatte ich niemals gebeten.“

Das grosse und plump wirkende Tier erhob sich mit ungeahnter Grazie in die Lüfte, flog unter den entsetzten Blicken der anderen Hühner über den orangefarbenen Zaun und war alsbald aus deren Sichtfeld verschwunden, ohne dass sie sich noch einmal umgedreht hätte.

„Dann bist du verloren“, sagte Maja finster, als sie den Atem wieder gefunden hatte.

„Das ist deine Schuld“, sagte Bertie, „denn du hast ihre Gedanken vergiftet mit deinen Märchengeschichten über die Welt da draussen.“

„Märchengeschichten? Gerade du solltest zurückhaltend mit Schuldzuweisungen umgehen, denn mit deiner übertriebenen Angstmacherei hast du Rosie vertrieben!“

 

 

Wird Rosie jemals zurückkehren und von ihrer Reise und dem neuen Wissen berichten können? Wird man ihr überhaupt Glauben schenken? Legt sich der Konflikt zwischen Bertie und Maja, weil sich die irrationalen Ängste mit Rosies Verschwinden verflüchtigen? Viele offene Fragen sind der neugierigen Seele ein Ärgernis, das weiss auch der Autor. Somit begibt er sich bewusst auf dünnes Eis, denn hier beendet er die Erzählung abrupt; die drei Darstellerinnen, die den Leser bis hierher begleitet haben, werden entlassen. Jetzt sind Verfasser und Leserschaft unter sich. Der Schreiber nutzt die plötzliche Intimität zwischen ihm und seinem Publikum dazu, für Klarheit zu sorgen: Bertie, Rosie und Maja sind tatsächlich die Hühner, die bei Manuel und Andrea auf der Quinta das Figueiras leben, doch die hier geschilderten Ereignisse sind fiktiver Natur und die Charaktereigenschaften den Tieren angedichtet oder bestenfalls frei interpretiert. Echt hingegen ist der bittere Geschmack der unterschiedlichen Wahrnehmung, der einer Debatte über Freiheit und Wahrheit anhaftet.

Nun, am Ende angekommen, bedauert der Autor, kein Theaterstück verfasst zu haben, denn ansonsten könnte er dem Leser, der ja in diesem Falle ein Zuschauer gewesen wäre, ein verwaistes Bühnenbild präsentieren. Er würde darauf hinweisen, dass diese Kulisse während vierer Akte die wirkliche und einzige Welt gewesen sei, und dass das, was sich auf der Bühne ereignet hatte, während des Spiels der reinen Wahrheit entsprochen habe. Begibt sich das Publikum nun nach draussen, ist die Welt die sie erblicken, die sie kennen und in welcher sie sich tagtäglich bewegen; ist diese Welt nun tatsächlich echter als jene, die sie – aller Illusionen beraubt durch den Fall des Vorhangs – nun zurück lassen?

Die Freiheit, die uns gegeben wurde, lässt es zu, dass sich jeder selbst diesen und ähnlichen Fragen stellen kann. Wir sollten sie nutzen.

 

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5 Kommentare

  1. valeria meint: 31. Januar 2016
  2. Cristina Kuster meint: 31. Januar 2016
  3. Andreas meint: 31. Januar 2016
  4. Andreas meint: 31. Januar 2016

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