Zwei. Neun. Fünf. Rot beleuchten die Ziffern der digitalen Waage das zögerliche Lächeln auf unseren Gesichtern. Zweihundertfünfundneunzig Kilogramm Oliven stapeln sich vor uns; verborgen in einem Berg aus Jutesäcken. Damit haben wir das Mindestgewicht gerade noch eben knapp angekratzt; fünf Kilo mehr oder weniger – so genau nimmt es hier niemand. Ein kontrollierender Blick unsererseits auf die Bestätigung ausdrückenden Gesichtszüge der „Frau von der Olivenpresse“ (mittlerweile hat sie auch einen Namen: Senhora Elisabete) enthüllt: Wir haben es geschafft!

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Doch die Geschichte unseres grössten Erfolgserlebnisses in diesem Jahr beginnt bereits viel früher. Und sie ist geprägt von Frust, vielen Sinnfragen, dem immer wiederkehrenden Mute der Verzweiflung und dem sprichwörtlichen Glück der Tüchtigen. Wir blicken auf einen heissen Sommer zurück und während viele Gewächse nach jedem Tropfen des knappen Wassers lechzten, waren die Olivenbäume dabei, aus der reichen Frühjahrsblüte unzählige wunderschöne Früchte zu zaubern. Ende September dann verwandelten sich bereits die ersten Oliven in verführerische schwarze Perlen. Voller Zuversicht liessen wir unsere Aufmerksamkeit wieder über unmittelbar bedeutsamere Angelegenheiten schweifen, deren es auf einem Bauernhof stets zur genüge gibt.

Wichtiger und allgegenwärtiger erschien uns in jener Zeit des Jahres, wo man sich des Sommers überdrüssig fühlt uns sich nach Regen sehnt, das Wetter – oder genauer gesagt: der Wetterbericht. Eben dieser schien nun endlich unser Flehen nach einem Ende der Trockenheit erhört zu haben, denn er präsentierte uns auf einer anschaulichen Wetterkarten-Grafik eine eindrückliche Regenfront, die sich unaufhaltsam vom Atlantik her auf das kleine Land im Westen Europa’s zuwälzte. Und tatsächlich: der Regen kam, sah und siegte. Doch die Legionen aus Wind und Wasser, die von den Gemüsegärtnern und Kleinbauern Portugal’s frenetisch gefeiert wurden, wähnten sich als Helden und signalisierten immer deutlicher: Wir sind gekommen um zu bleiben.

 

Der Regen kommt

 

Zu diesem dramatischen Herbstbeginn gäbe es noch viel zu berichten, doch wollen wir uns nun nicht zu weit von unserem Kernthema – der Olivenernte – entfernen. Wir wollten lediglich einen Eindruck davon vermitteln, welche Wichtigkeit – oder eben welches Gewicht – dieses Phänomen Wetter bei uns, die wir mit unserem Lebenszentrum näher an die Natur gerückt sind, besitzt. Etwas überspitzt formuliert: Als nun also das betäubende Geräusch des unaufhörlich prasselnden Regens endlich erstorben war, wagten wir uns nach gefühlten drei Wochen zum ersten Mal wieder unter dem schützenden Dach hervor und siehe; die Welt erstrahlte in jungfräulichem Grün. Sorglos genossen wir im Folgenden die überdurchschnittliche Wärme dieser Jahreszeit, bis uns das klare Licht der Sonne Unschönes offenbarte…

Nach und nach entdeckten wir, dass es für die heranreifenden Oliven zu viel des segensreichen Wassers gewesen war und viele Früchte aufgeplatzt waren, wie man es zum Beispiel von Kirschen kennt. An den offenen Wunden begann sich an vielen Stellen bereits Fäulnis zu bilden. Und als wäre dies nicht schon genug gewesen, hatte sich wohl die Olivenfliege gesagt: Besser spät als nie. Und somit wurden auch deren Schäden im Laufe der Zeit immer besser sichtbar. Nun mussten wir eigentlich noch froh sein, dass das Desaster nicht so gross war wie im Vorjahr, wo wir einen Totalausfall zu verzeichnen hatten. Dennoch ärgerten wir uns, weil es doch im Sommer noch Tendenzen zu einem Sensations-Jahr wie 2013 gezeigt hatte. Die Euphorie war also gebremst und wir mussten uns selbst einigen unangenehmen Fragen stellen.

 

Herbstliche Idylle und...

 

Lohnt es sich, die wahrscheinlich mühsame Ernte durchzuführen? Können wir zu Zweit das Mindestgewicht innert nützlicher Frist überhaupt erreichen? Und auf welche Olivenpresse sollen wir ausweichen, da jene im Nachbardorf Orca ihre Tore letztes Jahr schliessen musste? Es erschien uns nützlich, diesen Fragenkatalog von hinten her anzugehen, da auf diese Weise eine Antwort zur nächsten führen würde. Da wir grossen Wert auf ein möglichst sorgfältig hergestelltes Olivenöl legen, waren wir hocherfreut zu erfahren, dass sich im Dörfchen Donas, welches sich unweit von hier an die Hänge der Serra da Gardunha nestelt, ein traditioneller „Lagar“ (Presse) befindet. Nach einem kurzen Gespräch mit Senhor Pedro, dem sympathischen Betreiber, und einer Schnellbesichtigung des Betriebs war für uns klar, dass hier unser Öl gepresst werden soll. Da es sich um eine sehr kleine Anlage handelt, liegt das Mindestgewicht bei machbaren 300kg – somit durften wir uns auch die letzte und entscheidenste Frage beantworten: Ja, wir wollten uns wieder in das Abenteuer Olivenernte stürzen!

Mit einem ebenso hochkarätigen grünen Gold wie vor zwei Jahren durften wir nicht rechnen. Aus wirtschaftlicher Sicht würde sich die Ernte mit grosser Wahrscheinlichkeit heuer nicht rechnen, wenn man die vielen Arbeitsstunden, die uns bevorstanden mit einbezog. Da wir aber stets mehr Gewicht auf auf die ideologische Sicht legen, freuten wir uns an diesem traumhaften Morgen darauf, mit der Herstellung eines Produktes zu beginnen, welches wir in seiner Entstehung von Anfang bis Ende begleiten werden dürfen – ein Glück, welches jeden Tropfen Schweiss und Blut wert ist, den man dafür vergiesst. Und mit der ersten Olive, die sanft auf das Netz fiel, verfielen wir wieder in diese Art Trance, der man nur bei jenen Tätigkeiten verfällt, in denen man gänzlich aufgehen kann.

 

Wir sind vorbereitet.

 

Drei Tage vergingen und wir waren dankbar für das tolle Wetter. Erwartet mühselig gestaltete sich das Aussortieren der schlechten Früchte. Klar, wir hätten viel schneller das erforderliche Gewicht erreichen können, wenn wir nicht so wählerisch gewesen wären. Aber auch jetzt war die Gewichtung wichtiger als das Gewicht – die Gewichtung auf das Kriterium Qualität versteht sich. Wenn die selbstauferlegte Last zu gewichtig wurde, stritten wir uns, dass die Vögel das Weite suchten, doch nach einer kurzen Verschnaufpause zogen wir wieder an einem Strang. Dann, am Vormittag des vierten Erntetages – es war ein Samstag – rief Senhor Pedro an um uns mitzuteilen, dass sein „Lagar“ doch erst am Montag öffnen würde und wir somit nicht wie vereinbart unseren Ertrag an diesem Samstagnachmittag würden vorbeibringen können. Was nützt es, wenn wir uns darüber aufregen? Nein, das haben wir uns, seit wir in Portugal leben, abgewöhnt. Doch einen Dämpfer hatte uns dieser unerwartete Anruf schon beschert, denn sind die ohnehin schon angeschlagenen Oliven einmal geerntet, sollten sie nicht zu lange lagern, da bereits die Fermentierung einsetzt und dies negative Auswirkungen auf das fertige Öl hat.

 

Sortieren unter der Aufsicht der Vierbeiner

 

Nun leben wir in einem Land, wo starke Winde aus dem Nichts auftreten können um Wolken herbeizutragen, die innerhalb weniger Minuten den Himmel verdunkeln und die Luft abkühlen können. Dies passierte nicht an diesem Tag, doch mit der gleichen unerwarteten Heftigkeit trugen mediale Stürme Kunde von den traurigen Ereignissen dieses Herbstes bis hin zu uns. Angesichts des Wahnsinns, der diese Welt mit Gewalt am Erblühen zu hindern scheint, dieses Waldes von verwirrenden Informationen, die den Suchenden den Baum der Hoffnung nicht mehr erkennen lässt, angesichts der vielen Fragen, die wir nicht mehr zu stellen vermögen, schlichen sich Zweifel in unsere Herzen. Wir verloren bei unserer Arbeit den Rythmus, die Musik unseres Wirkens begann zu verstummen – in unserm Innern dröhnte nur noch die monotone Fragerei der Frustration: Was hat unser Tun für einen Zweck?

Während wir also nach dem Erreichen das notwendigen Gewichts strebten, hinterfragten wir die ganzheitliche Gewichtung unseres Einflusses auf die Welt. Wäre es feige, den Machtmissbrauch und den Terror, die Scheinheiligkeit und den Betrug, die möglicherweise noch fataleren Ereignisse, die sich jenseits des medialen Mainstreams abspielen – dies alles zu ignorieren und unbeschwert mit der Ernte fortzufahren? Besonders in den langen Nächten dieser Jahreszeit könnten wir mit unseren Gedanken Bücher füllen. Es könnte Menschen anregen, ihre Taten zu überdenken und für etwas zu kämpfen, dass unserer Ideologie entspricht. Doch unser Mittel ist nicht der Kampf. Wir wollen deshalb bewusst niemanden – nicht Sie und keinen unserer anderen Leser – mit der Schwere dieser unverfassten Bücher belasten. Die Quinta das Figueiras soll ein Ort sein, wo Sie sich von allem, was Sie belastet einen Moment frei machen dürfen. Dies gilt selbstredend auch für uns selbst – wir müssen den Zweck unseres Tuns darin erkennen, dass wir versuchen, die Welt so wenig wie möglich zu verschlechtern. Oder – so Gott will – ein kleines bisschen zu verbessern. Wie Gandhi sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Wir entledigten uns der dunklen Gedanken und gönnten uns für den Samstagnachmittag etwas Zerstreuung. Wir besuchten das „Miscaros“, ein Festilval der Pilze im benachbarten Dorf Alcaide. Es war herrlich, ein Fest für die Wunder der Natur. Es hätte keine bessere Gelegenheit geben können, um für den bevorstehenden Schlussspurt Mut und Kraft zu tanken. Wobei die Kraft für ihre Rückkehr etwas länger gebraucht hatte als der Mut, denn am nächsten Tag waren wir noch etwas angeschlagen durch die feuchtfröhliche Huldigung der Schöpfung, die bis spät in die Nacht angedauert hatte. Nichts desto Trotz zog die Sonne ungetrübt ihren Bogen über den Häuptern unserer stolzen Olivenbäume, die uns ihre Früchte freigiebig einsammeln liessen. Als der letzte Jutesack voller Oliven aufgebuckelt worden war, luden wir die ganze Ernte in unseren treuen Renault 4L (es waren zwei Fahrten nötig) – der Weg führt Sie und uns wieder an den Anfang dieser Geschichte, zu Senhora Elisabete und der Olivenpresse also.

 

Entspannendes Bad vor dem Ausgang

 

Es ist sehr spannend, den Arbeitern über die Schulter zu gucken und da und dort sogar selbst Hand anlegen zu dürfen. Die Anlage in diesem traditionellen Lagar von Donas unterscheidet sich schon stark von der modernen Maschinerie der Presse in Orca. Wie damals vor zwei Jahren bei Felipe, dürfen wir auch bei Senhor Pedro den gesamten Herstellungsprozess des Olivenöls mitverfolgen. Einzig die Filtration des Öls in der Zentrifuge können wir nicht beobachten, da diese Maschine noch nicht bereit ist an diesem Montag, denn die Presse wurde erst vor wenigen Stunden eröffnet. Somit müssen wir uns noch einige Tage gedulden, bis wir den Lohn der diesjährigen Ernte abholen dürfen.

Endlich können wir unsere Oliven in die Presse bringen.

 

Vier. Eins. Einundvierzig Liter. Dies ist die diesjährige Ausbeute an flüssigem, grünem Gold, welche aus unserem Abenteuer Olivenernte in diesem Jahr resultierte. Beim Einladen des Kanisters in den 4L spüren wir das Gewicht des Öls in allen Gliedern unserer ermatteten Körper. Und doch breitet sich eine Leichtigkeit – beinahe eine Schwerelosigkeit – in unserem Gemüt aus. Man kann den Unterschied von Gewicht und Gewichtung in einer nüchternen, wissenschaftlichen Sprache erklären. Man kann ihn aber auch aufspüren zwischen den hohlen Worten der Schlagzeilen und den immer gleichen Parolen der Gesellschaftskonformität – damit er sich als sanftes und stummes Gefühl über die eigene Existenz zu legen vermag.

 

Renault 4L - auch...

 

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12 Kommentare

  1. Cristina Kuster meint: 27. Dezember 2015
  2. Monica Change meint: 4. Dezember 2015
  3. Gieri Battaglia meint: 2. Dezember 2015
  4. Papa und Edith Au/SG meint: 2. Dezember 2015

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